Ankommen in Salt Lake City
Nach den letzten sehr anstrengenden Wochen machte ich mir ehrlich gesagt ein wenig Sorgen, dass ich in Salt Lake City zu viel Zeit zum Nachdenken, Aufarbeiten oder vielleicht sogar Krankwerden haben würde.
Gott sei Dank kam alles anders.
Aber von Anfang an.
Wir landeten spät am Abend in Salt Lake City und waren schon sehr gespannt, welches Apartment uns erwarten würde. Dort angekommen fanden wir ein wunderschönes und großes Apartment vor, das auch für uns Rollstuhlfahrer perfekt geeignet war. Auf zwei Stockwerke verteilt konnten wir hier wirklich gut wohnen, kochen und vor allem in Ruhe schlafen.
Langsam zurück in Bewegung

Der nächste Tag begann zwar früh, aber sehr entspannt. Wir besorgten Lebensmittel, frühstückten gemütlich und machten uns anschließend auf eine kleine Wanderung. Nach der langen Reise und den vielen Stunden im Flugzeug war das genau das Richtige.
Der zweite Teil der Gruppe fuhr bereits ins Training, doch für mich war das leider noch nicht möglich. Meine Fingerverletzung und das Antibiotikum forderten meinen Körper noch genug. Ich hoffte einfach, dass es nach dem Absetzen des Antibiotikums schnell besser werden würde und ich noch die Möglichkeit bekäme zu trainieren, bevor der Wettkampf beginnt.
Am nächsten Tag ließ ich es morgens erneut ruhig angehen, während der Rest trainieren fuhr. Am Nachmittag durfte ich dann zumindest ein wenig aktiv werden — in Form von Discgolf. Oder besser gesagt: Discgolfscheiben in Bäume werfen, denn Zielen gehört definitiv nicht zu meinen größten Stärken.
Spaß hatten wir trotzdem jede Menge, und genau das zählt doch am meisten. Wobei ich gestehen muss, dass mir Discgolfen in Orthesen deutlich leichter fällt als im Rollstuhl.
Am Ende der Runde war mein Körper allerdings ziemlich gefordert und ich freute mich darauf, wieder ins Apartment zu kommen. Dort kochten wir gemeinsam und ließen den Abend gemütlich ausklingen.
Die ersten Trainingseinheiten
Am Montag durfte ich dann endlich versuchen zu trainieren. Ich war unglaublich glücklich — und gleichzeitig gespannt, wie mein Körper reagieren würde.
Während meine Arme eigentlich recht brav mitspielten, wusste mein Körper insgesamt noch nicht so recht, was er tun sollte. Vor allem meine Beine machten große Probleme. Trotzdem versuchte ich, mir keinen Stress zu machen.
Nach dem Aufwärmen merkte ich dann doch einen kleinen Unterschied. Die erste Route im großen Überhang lief richtig gut, auch bei der zweiten konnte ich noch ordentlich fighten. Danach kam allerdings ein deutlicher Einbruch. Weil wir für den nächsten Tag ohnehin ein weiteres Training geplant hatten, setzte ich mich aber nicht unter Druck und wollte meinen Körper nicht sofort überfordern.
Am nächsten Tag zeigte sich dann genau das Gegenteil: Meine Beine waren deutlich bereiter zu arbeiten, dafür waren meine Arme noch komplett vom Vortag gezeichnet. Zusätzlich kämpfte ich stark mit der Spastik im Rückenstrecker. Michi, unsere Physio, war also ordentlich gefordert.
Ich versuchte, mich davon nicht zu sehr verunsichern zu lassen — auch wenn ich lügen würde, wenn ich behaupten würde, dass mich das kaltließ.
Abenteuer in der Salzwüste
Tags darauf gab es dann wieder etwas für die Seele. Wir fuhren zur Salzwüste und durften dort einen wunderschönen Sonnenaufgang erleben.
Markus hatte sogar ein Handgas mitgenommen, sodass wir ein kleines Abenteuer in der Wüste erleben konnten. Natürlich mussten wir ausprobieren, was das Auto auf dem Salz so hergibt.
Das Auto überstand dieses Abenteuer definitiv besser als mein Rollstuhl — bei dem verabschiedeten sich leider die Kugellager. 🙂
Natur als Ausgleich
Langsam rückte der Weltcupauftakt immer näher. In solchen Momenten erdet mich die Natur am meisten, deshalb wünschte ich mir eine Wanderung an einem See.
Markus fuhr mit uns zu einem wunderschönen Bergsee. Dort angekommen war es zwar ziemlich kalt, aber das hielt mich natürlich nicht davon ab, eine Runde um den See zu gehen.
Anschließend beschlossen Michi, Elch und ich, den Serpentinenweg zu Fuß nach unten zu gehen, weil dort auch ein Trail verlief. Natürlich wieder mit einer extra Portion Abenteuer: Durch das Schmelzwasser verlief ein kleiner Fluss direkt über unseren Weg. Dank der Hilfe der beiden war aber auch das machbar.
Nachdem wir innerhalb einer halben Stunde rund 300 Höhenmeter abgestiegen waren, beschlossen allerdings meine Orthesen zu überhitzen — Zwangspause also.
Danach fuhren wir weiter zu einem tiefer gelegenen See. Während Michi und Elch sogar ins eiskalte Wasser gingen, beschränkte ich mich darauf, zumindest meine Beine hineinzuhalten.
Später machten wir noch einen weiteren Stopp im Wald, wo auch Markus eine kleine Runde gehen konnte und wir uns einen wunderschönen Kletterspot anschauten.

Die Qualifikation

Die Zeit verging wie im Flug und schon mussten wir zurück, weil wir um 17 Uhr wieder zuhause sein wollten. Dort kochten wir gemeinsam und warteten auf die Jungs, die zum Technical Meeting mussten.
Nach dem Essen bekamen wir schließlich auch unsere Kletterrouten. Zum ersten Mal hatte ich absolut keine Angst vor den Routen — sie wirkten überraschend „straight forward“.
Also ging ich ziemlich entspannt ins Bett, obwohl für uns frühes Aufstehen angesagt war. Der Wettkampf begann bereits am Morgen.
Eigentlich hatte ich gut geschlafen und fühlte mich bereit. Zumindest bis zum Aufwärmen. Dort merkte ich schnell, dass mein Rückenstrecker und meine Hände extrem spastisch waren. Jetzt hieß es: einfach mein Bestes geben.
In der ersten Route hatte ich einen kleinen Vorteil — ich war die letzte Starterin und wusste daher genau, wie weit ich klettern musste. Trotzdem fühlte ich mich vom ersten Moment an überhaupt nicht wohl in der Route. Ich war verkrampft und fand keinen Flow.
Dennoch kämpfte ich mich nach oben, bis mich die Spastik schließlich abwarf. Es reichte aber knapp.
Danach hieß es warten. Vier Stunden später durfte ich erst meine zweite Route klettern. Zum Glück gab es in der Zwischenzeit genug zu sehen, denn die Kollegen waren gerade im Einsatz.
Bei den AL1-Jungs kam ein neuer Athlet dazu, der erst seit Kurzem einen Querschnitt hat, davor aber bereits sehr viel geklettert war. Er machte den Jungs ordentlich Feuer unterm Hintern. Trotzdem konnte sich Angelino durchsetzen.
Bei Daniel lief die erste Route richtig stark und er lag zwischenzeitlich sogar auf Platz drei. Leider lief es in der zweiten Route nicht mehr ganz nach Wunsch und er verpasste das Finale der besten Vier denkbar knapp um ein Plus.
Auch bei Linda wollte es leider nicht ganz funktionieren und sie verpasste ebenfalls den Finaleinzug.
Der Kampf um den Qualifikationssieg
Dann hieß es für mich noch einmal aufwärmen. Nach dem Aufwärmen löste Michi erneut meine Spastik. Diesmal startete ich bereits als Zweite und musste also vorlegen.
In dieser Route fühlte ich mich sofort deutlich wohler. Die Bewegungen waren komplex — genau die Art von Klettern, die ich liebe. Leider zeigte sich die Spastik trotzdem früh und diesmal besonders hartnäckig.
An Griff 30 war schließlich Schluss. Danach hieß es zittern.
Reicht es für den Qualifikationssieg?
Eine halbe Stunde später stand fest: Ja, es reicht.
Ich war unglaublich glücklich.
Regeneration in den heißen Quellen
Nach diesem langen Tag gönnten wir uns erstmal einen wohlverdienten Lunch, bevor wir nach Hause fuhren. Zur Regeneration unserer geschundenen Körper beschlossen wir, zu den heißen Quellen zu fahren.
Ich liebe diese Quellen. Durch die Wärme und den Schwefel kann mein Körper unglaublich gut entspannen. Außerdem durften wir dort noch einen wunderschönen Sonnenuntergang erleben, bevor es zurück ins Apartment ging und Michi uns physiotherapeutisch erneut unterstützte.

Finaltag
Am nächsten Morgen durften wir sogar ein wenig länger schlafen, bevor es zur Isozone ging.
Unterwegs bekamen wir die Running Order. Ich war im zweiten Block an der Reihe und hatte die RP1-Route. Zum ersten Mal in meiner Laufbahn durfte — oder musste — ich die einfachere Route klettern.
Ich wusste, dass man in dieser Route sehr weit nach oben kommen musste. Genau das machte mir Sorgen, denn meine Spastik tolerierte momentan kaum Ausdauerbelastung.
Beim Aufwärmen eskalierte die Spastik in meinen Händen erneut völlig. Ich versuchte mich mit meiner Neurocoaching-Musik zu regulieren, während Michi alles daran setzte, die Spastik zu lösen.
Dann durften wir endlich die Routen besichtigen. Und plötzlich war da nur noch Freude. Die Route war einfach unglaublich cool und ich freute mich richtig darauf, sie klettern zu dürfen.
Gold für Österreich
In der Call Zone stieg die Spannung noch einmal gewaltig. Doch sobald ich in die Route einstieg, fand ich sofort meinen Flow. Griff für Griff arbeitete ich mich nach oben.
Ich hörte sämtliche Anfeuerungen aus dem Publikum. Diese Stimmung trug mich immer weiter.
Irgendwann hieß es nur noch kämpfen. Ich wusste, dass es noch nicht gereicht hatte, merkte aber gleichzeitig, wie meine Kräfte schwanden. Dann kamen endlich die erlösenden Rufe aus dem Publikum — ab diesem Moment konnte ich einfach nur noch genießen und schauen, wie weit es noch geht.
Vier Züge später war es vorbei.
Ich hatte gewonnen.
Diesen Sieg widme ich meiner Mama. Auch wenn sie nicht mehr an meiner Seite ist, bin ich mir sicher, dass sie von oben zugeschaut, mitgefiebert und mir den letzten Rest Kraft geschickt hat. Sie ist in meinem Herzen mitgeklettert.
Unten angekommen wurde ich bereits von Michi empfangen, die mich sofort wieder von der Spastik befreite.

Zwei Goldmedaillen für Österreich
Jetzt hieß es mitfiebern und auf Angelino warten. Markus konnte leider nicht an den Start gehen, da er sich in der Qualifikation verrissen hatte und sich kaum noch bewegen konnte. Um nichts zu riskieren, musste er schweren Herzens verzichten.
Die Spannung stieg also weiter.
Besonders spannend war, dass ich dieselbe Route klettern musste wie die AL1-Kategorie. Der Japaner zeigte eine unglaublich starke Leistung und beeindruckte vor allem durch seine präzise Kontrolle an den Griffen.
Danach startete der neue Amerikaner, dessen Selbstverständlichkeit beim Klettern wirklich faszinierend war — besonders wenn man bedenkt, dass sein Unfall erst etwas mehr als ein Jahr zurückliegt.
Dann wurde es ernst: Gini war an der Reihe.
Cale hatte zuvor bereits einen starken Benchmark gesetzt. Angelino pausierte genau an der Stelle, an der Cale herausgefallen war, sortierte sich kurz — und meisterte den Zug anschließend mit Bravour.
Die Route endete schließlich an derselben Stelle wie bei mir.
Damit durfte sich Österreich am Ende über zwei Goldmedaillen freuen.

Heimreise mit vielen Emotionen
Nach der Siegerehrung gingen wir noch gemeinsam Abendessen und packten anschließend bereits für die Heimreise. Denn am nächsten Morgen hieß es früh aufstehen.
Und jetzt?
Jetzt sitze ich im Flugzeug und schreibe diese Zeilen. Es fühlt sich immer noch surreal an, was ich in diesen neun Tagen erleben durfte.
Ich glaube, ich habe die Goldmedaille noch gar nicht richtig realisiert. Auch wenn es für viele mittlerweile selbstverständlich wirkt, dass ich Gold mit nach Hause bringe, war dieser Sieg für mich alles andere als selbstverständlich.
Die letzten Monate waren unglaublich kräfteraubend. Ich habe im Training alles gegeben und musste diesmal gefühlt mehr kämpfen als je zuvor.
Vielleicht hat mir genau deshalb mein neuer Engel an der Seite die entscheidende Kraft geschenkt.
Ich freue mich jetzt aber trotzdem unglaublich auf zuhause — auf Papa, auf meinen kleinen Schatz Chiara und natürlich auf all die lieben Menschen in meinem Leben.
In drei Wochen steht bereits die Staatsmeisterschaft an und kurz darauf darf ich auch zuhause wieder alles geben.
Zum Abschluss möchte ich mich noch bei allen bedanken, die zuhause eine Nachtschicht eingelegt haben, um mich zu unterstützen.



One comment
Inge Fassold
Mai 18, 2026 at 9:01 p.m.
Es war fast unglaublich als dein Sieg feststand. Die letzten Monate waren physisch und psychisch eine enorme Belastung für dich
Dieser Sieg glänzt wir kein anderer.
Ich bin so stolz auf meine Nichte 💖