Letztes Wochenende gingen die Österreichischen Staatsmeisterschaften im Rahmen der Austria Finals über die Bühne. Zum ersten Mal waren wir Para-Athleten Teil dieses Events – und ich hatte mich schon seit Wochen darauf gefreut.
Der Schock nach Salt Lake City
Doch nur zwei Trainingseinheiten nach dem Weltcup in Salt Lake City passierte genau das, wovor ich mich insgeheim schon länger gefürchtet hatte.
Eine kleine Unachtsamkeit. Ich rutschte vom Tritt, meine Hand wollte den Griff aber nicht loslassen. Mit voller Geschwindigkeit krachte ich in die Schulter. Obwohl mir Ähnliches in den vergangenen Monaten schon öfter passiert war, wusste ich sofort: Diesmal ist etwas kaputt.
Knapp zwei Stunden und ein MRT später stand die Diagnose fest. Ich hatte Glück im Unglück, aber dennoch einen Riss im AC-Gelenk sowie in der Bizepssehne inklusive Einblutungen erlitten.
Für mich brach zunächst eine Welt zusammen. Würde das das Aus für die Staatsmeisterschaften bedeuten? Und vielleicht sogar für den Heimweltcup in Innsbruck?
Kampf gegen die Zeit

Mein Arzt war vorsichtig optimistisch. Zunächst hieß es jedoch: Pause. Eine Woche den linken Arm möglichst ruhigstellen.
In dieser Zeit war ich unendlich dankbar für die Unterstützung des Olympiazentrums, der Physio/Ergotherapie und von CryoOxy. Sofort wurde alles dafür getan, die Kletterpause so kurz wie möglich zu halten und meiner Schulter die bestmöglichen Voraussetzungen zur Heilung zu geben.
Die ersten Tage bestanden aus Kühlen, Magnetfeldtherapie, Repuls-Behandlungen, Sauerstoffkammer, Lymphdrainagen und vorsichtigen Mobilisationen. Nach einer Woche entschieden wir uns zusätzlich für eine Injektion, um der Heilung noch einen kleinen Schub zu geben.
Die ersten Zweifel
Als ich schließlich wieder an die Wand durfte, war die Ernüchterung groß.
Klettern am langen Arm war unmöglich. Züge über die Körpermitte oder belastende Schulterbewegungen gingen gar nicht. In Gedanken hatte ich die Staatsmeisterschaften bereits abgeschrieben und versuchte, den Fokus auf Innsbruck zu richten.
Doch am nächsten Tag zeigte sich im Krafttraining ein erster Lichtblick. Kontrollierte Klimmzüge funktionierten überraschend gut und auch in anderen Übungen konnte ich erste Fortschritte machen.
Trotzdem blieb die Sorge: Würde ich nach der Trainingspause rechtzeitig wieder fit werden? Mit Spastik verliert man leider sehr schnell Form und Leistungsfähigkeit.
Ein Funken Hoffnung
Das Klettertraining am Donnerstag brachte schließlich die Wende.
Plötzlich fiel vieles leichter. Zwar konnte ich noch immer nicht vollständig am langen Arm hängen, doch die Fortschritte waren deutlich spürbar. Besonders mein linkes Schulterblatt stabilisierte super was mir Sicherheit zurück gab.
Zum ersten Mal keimte der Gedanke auf:
Vielleicht kann ich doch starten.
Vernünftig wäre es gewesen, darauf zu verzichten. Gleichzeitig reizte mich die Chance, unter kontrollierten Bedingungen herauszufinden, wo ich vor dem Weltcup in Innsbruck tatsächlich stehe.
Gemeinsam mit meinem Trainer besprach ich alle Risiken. Die Gesundheit hatte oberste Priorität. Kein unnötiges Risiko. Kein Wettkampfmodus um jeden Preis. Immer ein Ohr bei der Schulter.
Mein Krafttrainer sah die Sache deutlich kritischer und appellierte an meine Vernunft. Ich verstand seine Argumente – und genau das machte die Entscheidung so schwer.
Die schwerste Entscheidung
Ich war völlig zerrissen.
So oft in meiner Karriere hatte ich mir gewünscht, nicht starten zu müssen. Diesmal war es genau umgekehrt. Ich wollte diesen Wettkampf unbedingt als Standortbestimmung nutzen.
Schließlich sagte ich meiner Cousine zunächst ab – nur um sie eine Stunde später erneut anzurufen und zu fragen, ob sie doch noch mit mir nach Wien fahren würde.
Zum Glück sagte sie Ja.
Während ich auf der Fahrt noch immer mit mir haderte, war sie der sprichwörtliche Fels in der Brandung. Julian freute sich riesig über den spontanen Wien-Trip und Chiara verstand die Welt nicht mehr.
Wettkampftag

Am Freitagabend kamen die Videos der Routen. Gemeinsam mit Luis analysierte ich jede Bewegung. Nichts schien für die Schulter unkontrollierbar gefährlich zu sein.
Also entschied ich mich zu starten.
Die erste Route lief hervorragend. Bis wenige Züge vor dem Top fühlte sie sich überraschend gut an und ich konnte sie souverän meistern.
Die zweite Route war deutlich komplexer. Technisch anspruchsvoll, bewegungsintensiv und körperlich fordernd. Eine Passage schaffte ich nach einigen Versuchen, doch bei einem weiteren Zug zog ich bewusst die Grenze.
Meine Schulter war bereits müde und ich wollte nichts riskieren.
Das Plus reichte trotzdem für die Führung und den Einzug ins Finale.
Endlich wieder Vorfreude
Bei der Besichtigung der Finalroute passierte etwas, das ich lange nicht mehr erlebt hatte:
Ich freute mich einfach aufs Klettern.
Keine Angst. Keine Zweifel. Keine Sorgen.
Nur Vorfreude.
Als ich schließlich an der Wand stand, fühlte sich die Route großartig an. Die Bewegungen waren kreativ, flüssig und machten einfach Spaß.

Bis zu diesem einen Zug.
Ein klassischer „Kühlschrankzug“ – Griffe zusammendrücken und maximale Schulterstabilität erzeugen. Genau dort meldete sich meine Schulter deutlich zurück.
Also traf ich erneut die einzig richtige Entscheidung:
Safety first.
Ich beendete die Route.
Tränen der Freude
Während ich abgelassen wurde, wusste ich noch nicht, ob es gereicht hatte.
Doch dann wurde schnell klar:
Es hat gereicht.
Österreichischer Staatsmeister.
Und das Wichtigste: Meiner Schulter ging es gut.
Nach all den Sorgen, den Zweifeln und den Tränen der Verzweiflung waren da plötzlich Tränen der Freude.

Was ich aus diesen Wochen mitnehme
Diese Wochen haben mir einmal mehr gezeigt, wie unglaublich mein Umfeld ist.
Menschen, die sofort helfen, wenn es schwierig wird. Trainer, die sich um meine Gesundheit sorgen und immer nur das Beste für mich wollen. Familie und Freunde, die unterstützen, mitfiebern und manchmal auch verständnislos den Kopf schütteln.
Vor allem aber haben mir diese Wochen gezeigt, wie viel möglich ist, wenn man Schritt für Schritt weiterarbeitet, auch wenn das Ziel zwischenzeitlich unerreichbar scheint.
Und sie haben mir gezeigt, dass für Innsbruck noch alles möglich ist.
Die Tage bis zum Weltcup sind gezählt.
Ich bin bereit.
Und ihr dürft gespannt sein, wie die Geschichte weitergeht. 💚


