Am ersten Maiwochenende war es endlich soweit: Die offenen Deutschen Meisterschaften standen in Kempten an – für mich die erste internationale Standortbestimmung der Saison.
Nach dem Tod meiner Mama habe ich lange überlegt, ob ich diese Reise überhaupt antreten soll. Ein Teil von mir wollte einfach zuhause bleiben. Gleichzeitig wusste ich aber auch, dass mir dieser Wettkampf helfen könnte. Nicht nur als sportliche Standortbestimmung, sondern auch, um wieder ein gutes Gefühl vor dem Weltcup zu bekommen. Denn die letzten Wochen waren alles andere als einfach.
Schweren Herzens entschied ich mich schließlich doch dafür, Papa und Chiara noch einen weiteren Tag alleine zu lassen und mich dieser Herausforderung zu stellen.
Kein perfekter Start
Die Nacht vor dem Wettkampf war leider alles andere als erholsam. Wirklich geschlafen habe ich kaum – also wohl direkt ein kleines Worst-Case-Szenario für den Wettkampftag.
Als ich am Vorabend die Qualifikationsrouten anschaute, musste ich schmunzeln. Eine der beiden Routen war gefühlt genau für meine Schwächen gebaut. Da mein Trainer gleichzeitig auch als Routenbauer vor Ort war, fragte ich mich kurz, ob er mir absichtlich eine kleine „Schwächenroute“ hingestellt hatte – vielleicht als Vorbereitung auf die Weltcupsaison.
Aber lange darüber nachdenken konnte ich ohnehin nicht. Denn am nächsten Morgen klingelte der Wecker bereits um 4 Uhr.
Kaffee, Aufwärmen und ein guter Auftakt
An der Kletterhalle angekommen hieß es erstmal: alle begrüßen, Routen anschauen und registrieren.

Danach gab es dringend einen Kaffee – irgendwie musste mein Gehirn schließlich wieder anfangen zu funktionieren.
Nach dem Aufwärmen ging dann plötzlich alles ganz schnell: Die erste Route wartete bereits.
Und was soll ich sagen? Mit einem Top in den Wettkampf zu starten, fühlt sich definitiv nicht schlecht an.
Danach blieb etwas Zeit zum Durchatmen und um den anderen beim Klettern zuzusehen. Besonders schön fand ich es zu sehen, wie viele neue österreichische Athletinnen und Athleten am Start waren.
Mein persönlicher Endgegner

Dann ging es weiter zu meinem persönlichen Endgegner.
Trotzdem versuchte ich, selbstbewusst in die Route einzusteigen. Allerdings zeigte sie mir ziemlich schnell, was sie draufhatte. Wenigstens gab es ein paar gute Rastpositionen.
Am Ende reichte es knapp nicht bis zum Top. Trotzdem wusste ich: Mehr war an diesem Tag einfach nicht drin. Vor allem mit meiner Spastik in den Händen hatte ich wirklich alles gegeben. Umso schöner war dann die Überraschung: Es war sogar mehr als genug.
Ich durfte als Erstplatzierte ins Finale einziehen.
Warten auf das Finale
Nach der Qualifikation ging es direkt zum Mittagessen, damit mein Körper genug Zeit hatte, neue
Energie zu tanken. Danach machte ich es mir bei den Routenbauern gemütlich und quatschte noch ein bisschen mit ihnen.
Besonders gefreut habe ich mich dann über die Nachricht, dass meine Cousine mit ihrem Großen zum Finale vorbeikommen würde.
Lange dauerte es aber nicht, bis es wieder hieß: aufwärmen.
Julian stand mir dabei – mit guter Laune zur Seite, bevor es für mich in die Isozone ging.
Dort stieg langsam die Spannung: Wie würde unsere Finalroute aussehen?
Vertrauen statt Fernglas
Bei der Routenbesichtigung fiel mir dann plötzlich auf: Ich hatte mein Fernglas zuhause vergessen.
Tja … manchmal funktioniert mein Hirn leider doch nicht ganz so, wie ich es gerne hätte.
Dadurch wurde das Lesen der Route deutlich schwieriger. Also blieb mir nichts anderes übrig, als meinem Gefühl zu vertrauen – und darauf zu hoffen, dass mein Körper schon wissen würde, wohin es geht.
Zurück in der Isozone blieb gerade noch genug Zeit, um am Toppas zwei Routen zu klettern. Dann begann auch schon meine Kategorie.
Nun hieß es warten.
Griff für Griff Richtung Top

Während ich den anderen zusah, bemerkte ich, dass die Route eigentlich gut zu klettern aussah.
Als ich dann selbst an der Wand stand, war in mir plötzlich nur noch Ruhe.
Ich arbeitete mich Griff für Griff weiter nach oben. An einer Stelle, an der ich den eigentlichen Plan der Routenbauer nicht wirklich erkennen konnte, fand ich meine eigene Lösung.
Und plötzlich war ich nur noch einen Zug vom Top entfernt.
Doch genau dieser Zug blieb mir verwehrt.
Ein Sieg und ganz viel Selbstvertrauen
Aber was blieb am Ende?
Ihr könnt es euch wahrscheinlich schon denken: ein weiterer erster Platz.
Ich habe es geschafft – und vor allem konnte ich jede Menge Selbstvertrauen mitnehmen. Genau das, was ich für den ersten Weltcup in Salt Lake City brauche.

Ein langer Tag geht zu Ende
Nach dem Finale und der Siegerehrung durfte ich sogar noch ein wenig trainieren. Ich konnte die Finalroute meiner Kletterkollegin ausprobieren und noch weitere Qualifikationsrouten klettern.
Und ich muss wirklich sagen: Der Routenbau war richtig stark.
An dieser Stelle: Chapeau an die vier Herren.

Um 23 Uhr ging es schließlich nach Hause. Schnell noch Chiara bei Papa abholen – denn schon bald werde ich die kleine Maus sehr vermissen.
Mal sehen, was diese Saison noch so bereithält …


