Heimweltcup mit gemischten Gefühlen
Der Weltcup in Innsbruck – ein Bewerb, der stimmungsmäßig durch Mark und Bein geht.

Nachdem die ÖSTM in der Woche zuvor geglückt war, traute ich mich langsam, mich auf den Weltcup zu freuen.
Die Routen, die bereits die ganze Woche gebaut worden waren, sahen richtig cool aus. Gleichzeitig jagten sie mir aber auch gehörigen Respekt ein. Am Sonntagabend stand schließlich fest, welche Routen ich klettern musste.
Luis lud mich noch zu einer kurzen Aktivierungseinheit ein. Gemeinsam testeten wir, welche Bewegungen meine Schulter bereits wieder zulässt. Danach ging es direkt nach der Physiotherapie zu ihm, um die Routen gemeinsam anzuschauen.
Respekt vor den Routen
Diesmal warteten wieder die schwereren Routen auf uns – und die hatten es wirklich in sich. Im Vergleich zum letzten Jahr bekam ich allerdings keinen Nervenzusammenbruch mehr. Stattdessen konnte ich mittlerweile sogar darüber lachen.
Insgeheim hoffte ich nur, dass gut gesichert wird und es keinen Bodensturz gibt. Gleichzeitig fragte ich mich, ob die Routenbauer es gezielt auf meine linke, verletzte Schulter abgesehen hatten. Gefühlt musste jeder schwere Stützer mit links geklettert werden.
Die erste Route war schnell analysiert. Luis meinte, ich könnte den ersten Stützer blockieren. Mir war klar: Wenn ich bis zu einer bestimmten Schlüsselstelle komme, könnte diese Route richtig Spaß machen.
Die zweite Route entwickelte sich dagegen schon beim Besichtigen zu meinem persönlichen Schulter-Endgegner. Ein extrem aggressiver Stützer und mehrere Daumenstützer warteten auf mich. Einen davon konnte ich vermutlich umgehen, beim Rest hieß es: ausprobieren – und im Zweifel vernünftig sein.
Wettkampftag
Zum ersten Mal seit fast zwei Jahren musste ich erst zu Mittag starten. Das gab mir nach der
Routenbesichtigung genügend Zeit, um wieder etwas herunterzukommen und den nächsten Tag ruhig anzugehen.
Also begann ich mit meiner gewohnten Morgenroutine: Gassi gehen, frühstücken und anschließend auf in die Kletterhalle.
Dort angekommen begrüßte ich erst einmal viele bekannte Gesichter, bevor ich mit dem Aufwärmen begann. Für das gezielte Warm-up an der Boulderwand kam Luis dazu.
Ich war ihm unglaublich dankbar. Trotz seines Eventstresses als Verantwortlicher nahm er sich so viel Zeit für mich.
Route 1 – Ruhe bewahren lohnt sich
Mit einem guten Gefühl machte ich mich auf den Weg zur ersten Route. Ich war die zweite Starterin und musste somit gleich vorlegen.

Über meine persönliche Angststelle kam ich überraschend problemlos hinweg. Kurz darauf wartete allerdings eine Passage, die zunächst unlösbar schien.
Nach meinem ersten gescheiterten Versuch fand ich eine richtig gute Rastposition und begann neu nachzudenken. Ich wusste: Wenn ich den nächsten Griff erreiche, wird diese Route richtig Spaß machen.
Also probierte ich verschiedene Lösungen aus – vier oder fünf Mal. Schließlich fand ich meinen Weg. Ich „cheatete“ ein wenig und nutzte einen Tritt als Griff. Zack – plötzlich war ich am nächsten Griff.
Ab diesem Moment genoss ich die Route einfach nur noch. Erst drei Griffe vor dem Top beendete die Spastik meinen Lauf.
Als ich abgelassen wurde, kamen Michi und Luis sofort auf mich zu. Michi schob mich von der Bühne, beide halfen mir, die Spastik wieder unter Kontrolle zu bekommen.
Luis war genauso stolz wie ich selbst. Nicht wegen der Platzierung – sondern weil ich ruhig geblieben war und meine eigene Lösung gefunden hatte.
Route 2 – Einfach nur Spaß
Nun hieß es wieder: mindestens drei Stunden Pause.
Da wir diesmal keine „Not before“-Zeit hatten, wollte ich auf keinen Fall zu spät mit dem Warm-up fertig werden. Das Ergebnis? Ich war viel zu früh fertig und hatte kurz vor dem Start eiskalte Finger.
Luis sprang kurzerhand als mobiles Hangboard ein. Ich war ihm unglaublich dankbar, denn ein komplettes erneutes Aufwärmen wäre nicht mehr möglich gewesen.

In dieser Route wusste ich genau, wohin die Reise gehen sollte. Gerade bei einer Route, die eigentlich pures Schultergift hätte sein können, war das Gold wert.
Doch dann passierte etwas, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte: Ich hatte einfach Spaß.
So viel Spaß wie vermutlich noch nie in einer Wettkampfroute.
Ich wollte gar nicht mehr loslassen. Erst drei Griffe vor dem Top war Schluss.

Aber das war völlig egal. Ich wusste: Diese Qualifikation hatte ich für mich gewonnen.
Danke für euren Support
Danach gab es erst einmal ein wohlverdientes Belohnungseis.
Ich war überwältigt, wie viele Menschen sich Zeit genommen hatten, um meine Qualifikation live mitzuerleben, mitzufiebern und mich anzufeuern.
Ein riesiges Dankeschön an jede und jeden Einzelnen.
Ich habe mich unglaublich geliebt und wertgeschätzt gefühlt.
Das Finale – Vertrauen statt Zweifel
Nun hieß es: einmal tief durchatmen und alles mit nach Hause nehmen.
Natürlich machte mir das Druck. Zuhause zu starten ist einfach etwas anderes.
Innsbruck ist eines der coolsten Events unseres gesamten Jahres. Aber genau deshalb möchte man dort auch zeigen, was man kann.
Vor allem, wenn eine ganz wichtige Person diesmal nicht dabei sein kann.
Denn ja – Mama fehlte in jedem einzelnen Moment.
Kurz bevor ich in die Iso ging, erschien die Startliste. Dadurch konnte ich ungefähr erahnen, welche Route meine werden würde.
Und dann sah ich sie.
Den Sprung.
Mein Herz rutschte sofort wieder in die Hose.
Doch dann war da wieder diese Stimme – die Stimme des größten Optimisten der Welt (meinem Trainer):
„Wenn es eine kann, dann du. Vertrau darauf.“
Also blieb mir nichts anderes übrig, als genau das zu tun.
Vertrauen.
Der entscheidende Moment
Nach einer kurzen Mobilisation durch Michi ging es zur Besichtigung.
Ja, natürlich war es genau diese Route.
Die Fragezeichen waren allerdings nicht nur in meinem Kopf.
Also blendete ich die Sprungstelle zunächst aus und konzentrierte mich auf den Rest der Route.
Sechs Minuten später standen wir bereits in der Call Zone.
Dann ging alles ganz schnell.
Präsentation, Musik, Publikum – und plötzlich war ich an der Wand.
Nach den ersten Zügen fand ich meinen Rhythmus.
Kurz darauf stand ich direkt vor dem Sprung.
Ich schaute den nächsten Griff an und dachte plötzlich:
Das müsste doch auch anders gehen.
Ich griff mit der rechten Hand hinüber, spannte die Schulter an und konnte mit der linken Hand nachziehen.
Ich hatte den Sprung einfach umgangen.
In diesem Moment wusste ich:
Jetzt kannst du die Route einfach genießen.
Mehr als nur ein Ergebnis

Die Route warf mich zwar früher ab, als ich es mir gewünscht hätte.
Aber das spielte überhaupt keine Rolle mehr.
Ich konnte die Route genießen.
Ich konnte das unglaubliche Publikum genießen.
Und ich konnte meinen persönlichen Triumph genießen.
Überglücklich rollte ich hinter die Bühne, wo mich Luis, Michi und viele weitere liebe Menschen bereits erwarteten.
Danke Innsbruck
Danke Innsbruck.
Danke für dieses unglaubliche Gefühl.
Danke für ein Jahr für Jahr perfekt organisiertes Event.
Danke für die kreativen Routen.
Danke an alle, die da waren und mitgefiebert haben.
Und danke an die eine Person, die zwar nicht da sein konnte, aber trotzdem die ganze Zeit an meiner Seite war.
Mama, du fehlst.

Ein starkes österreichisches Team
Aus österreichischer Sicht war dieser Weltcup mehr als erfolgreich.
Neben mir durften sich Angelino und Linda über Gold freuen. Daniel schaffte erneut den Einzug ins Finale und unsere Jüngste rockte ihren ersten Weltcup wie ein alter Hase und durfte sich am Ende sogar über Silber freuen.
Herzlichen Glückwunsch euch allen – ihr könnt wirklich stolz auf eure Leistungen sein.

Jetzt heißt es: Schulter-Reha
Für mich heißt es nun erst einmal etwas Abstand von der Wand nehmen, bevor die intensive Schulter-Reha beginnt.
Zum Glück gab es in Innsbruck die ganze Woche über noch jede Menge Grund zum Staunen und Anfeuern.
Am meisten wird mir jedoch die letzte große Show von July in Erinnerung bleiben.
Wir durften sie noch ein letztes Mal hochleben lassen, bevor sie sich in ihre wohlverdiente Sportlerpension verabschiedete.



