Endlich durchatmen – oder zumindest der Versuch

Nach unserer Rückreise aus Laval, dem letzten Weltcup der Saison, freute ich mich riesig auf eine Auszeit. Mir war klar: Ich musste mich dringend körperlich wie mental von dieser Saison erholen. Gleichzeitig war völlig ungewiss, wie es sportlich weitergehen würde. Also beschloss ich, mir ein paar Wochen Zeit zu nehmen und beim Wandern in der Natur abzuschalt
en. Zumindest mental. Körperlich war das Ganze vermutlich weniger erholsam. 🙂
Doch schon in der ersten Dezemberwoche zog es mich wieder in die Kletterhalle. Das Olympiazentrum
war einfach nicht wegzudenken. Wer mich kennt, weiß: Ich bekomme meinen Kopf am besten frei, wenn ich körperlich aktiv bin.
Zwischen Reha, Spastik und mentalem Kampf

Meine Trainer ließen mir in dieser Phase viele Freiheiten, auch wenn natürlich ein Trainingsplan bereitstand. Dafür war ich unglaublich dankbar. Im Olympiazentrum und in der Physio lag der Fokus vor allem auf der Reha meiner Bizepssehne, in der Ergotherapie auf meiner Ringfingerverletzung. Auch Sportpsychologie stand am Plan, um die Erlebnisse der vergangenen Saison aufzuarbeiten.
Zumindest war das der Plan.
Denn wie so oft mischte sich das Leben dazwischen.
Die Spastik hatte sich nach dem Medikamentenchaos in Korea nie wieder vollständig auf ihr ursprüngliches Niveau zurückgebildet. Diesmal brachte sie mich nicht nur im Training an meine Grenzen, sondern stellte auch unser gesamtes Rehaprogramm immer wieder auf den Kopf.
Es folgten unzählige Trainingseinheiten voller Zweifel und Verzweiflung. An dieser Stelle: Danke an meine Trainer und meine Kletterassistenz, dass ihr mich in dieser Zeit ausgehalten habt.
Wenn plötzlich alles gleichzeitig passiert
Doch die Spastik war längst nicht alles.
Ende des Jahres veränderte sich auch privat vieles. Eine meiner Assistentinnen musste uns leider verlassen, wodurch ich ab Jänner zuhause plötzlich vieles alleine bewältigen musste. Früher aufstehen, zusätzliche Aufgaben übernehmen und den Alltag neu organisieren — all das kostete unglaublich viel Energie.
Kurz darauf kam der nächste Rückschlag: ein Schub am Sehnerv. Rückblickend kaum verwunderlich bei diesem Dauerstress.
Gleichzeitig kämpfte meine Mama um ihre Gesundheit. Ihre Operation verlief zunächst gut, doch wirklich besser ging es ihr nie. Ende Jänner kam schließlich die Horrordiagnose: Der Krebs hatte gestreut und sich im gesamten Bauchraum ausgebreitet.
Uns wurde schnell gesagt, dass diese Situation nicht mehr lange mit dem Leben vereinbar sei.
Ich wollte es nicht wahrhaben.
Vielleicht schützt sich die Psyche in solchen Momenten selbst.
Wenn selbst das Klettern kein sicherer Ort mehr ist

Also versuchte ich weiterhin, mich durchs Klettern abzulenken. Doch ausgerechnet das, was sonst mein sicherer Ort war, funktionierte plötzlich nicht mehr. Die Schmerzen wurden stärker, die Spastik in meinen Händen schlimmer und die Selbstzweifel größer.
Wie sollte ich diese Saison überstehen?
Wie sollte ich mental damit umgehen, wenn selbst das Klettern keine Pause mehr für meinen Kopf war?
Das Ergo- und Physioteam probierte alles Mögliche mit mir, musste aber irgendwann eingestehen, dass wir an Grenzen stoßen. Also blieb mir nichts anderes übrig, als weiterzumachen und darauf zu hoffen, dass es bis zum ersten Wettkampf besser werden würde.
Trotz allem zog ich weiter durch.
Hoffnung auf ein letztes gemeinsames Stück Normalität
Besonders freute ich mich auf unseren letzten Familienurlaub am Gardasee. Noch einmal durchatmen. Noch einmal bewusst Zeit mit meiner Mama verbringen.
Kurz davor lernte ich durch eine Freundin die Firma CryoOxy kennen — eine innovative Einrichtung im Bereich Regeneration. Sie entschieden sich, mich auf meinem Weg zu unterstützen. Dafür bin ich bis heute unglaublich dankbar. Mittlerweile merke ich bereits erste positive Veränderungen bei Regeneration und Stressverarbeitung.
Doch manchmal reicht selbst Hoffnung nicht mehr aus.

Der Gardasee-Urlaub, der keiner wurde
Noch bevor wir überhaupt richtig am Gardasee angekommen waren, begann das Chaos: Papas Auto blieb 50 Kilometer vor dem Ziel liegen und musste in die Werkstatt. Also fuhren wir mit kleinem Gepäck per Taxi weiter zur Unterkunft.
Am nächsten Morgen passierte dann der nächste Schock.
Unsere Hündin Luna wurde beim Spaziergang von einem Auto erfasst.
Innerhalb weniger Minuten befanden wir uns mitten im Ausnahmezustand. Tierarzt, Klinik, Röntgenbilder, komplizierte Brüche. Elle, Speiche und Handgelenk waren gebrochen. Schnell war klar: Sie musste operiert werden.
Die Heimreise wurde zur nächsten Katastrophe. Kein Auto, verletzter Hund, völlige Überforderung. Beim Packen passierte dann das nächste Unglück: Mein Papa riss sich die Bizepssehne, als er verhindern wollte, dass Luna vom Bett springt.
Irgendwann fühlte sich alles nur noch surreal an.
Zwischen Hoffnung und Abschied
Nach einer langen Nacht in der Tierklinik durften wir Luna am nächsten Tag wieder abholen. Die Operation war gut verlaufen. Doch während wir versuchten, irgendwie weiterzufunktionieren, wurde der Zustand meiner Mama immer schlechter.
Und langsam musste ich mir eingestehen, dass ich nicht mehr viel Zeit mit ihr haben würde.
Diese Erkenntnis tat unfassbar weh.
Ostersonntag schenkten wir Mama noch einmal einen schönen Tag auf der Terrasse in der Sonne. Hätte ich gewusst, dass es ihr letzter guter Tag sein würde, hätte ich sie wahrscheinlich nie wieder hineingebracht.
Wenige Tage später ging alles ganz schnell.
Frühmorgens rief Papa an:
„Ich glaube, Mama ist gegangen.“
Als ich bei ihnen ankam und mich ein letztes Mal zu ihr ins Bett legte, wusste ich sofort, dass es vorbei war.
Dieser Tag gehört zu den schlimmsten meines Lebens.
Funktionieren, obwohl die Welt stillsteht
Trotzdem mussten wir funktionieren. Organisieren. Entscheidungen treffen. Weitermachen.
Was mich in dieser Zeit getragen hat, waren meine Freundinnen, meine Familie und mein Umfeld. Ich bekam so viel Unterstützung, Liebe und Hilfe, dass ich bis heute überwältigt davon bin.
Besonders emotional war für mich auch die „Lange Nacht des Tiroler Sports“. Eigentlich wollte ich diesen Abend gemeinsam mit meiner Mama erleben. Stattdessen stand ich dort alleine — mit meinem fünften Viktor in Folge in der Hand.
Und trotzdem spürte ich an diesem Abend unglaublich viel Wertschätzung.
Zurück an die Wand
Wenige Tage später stellte ich mich bereits wieder einer Wettkampfsimulation mit dem deutschen Team. Vielleicht brauchte ich einfach kurz ein Stück Normalität. Vielleicht musste ich spüren, dass es trotz allem irgendwie weitergeht.
Die Routen waren kreativ, intensiv und teilweise genau auf jene Probleme ausgelegt, mit denen ich aktuell kämpfe. Besonders die Spastik machte sich sofort bemerkbar. Trotzdem tat es gut, für ein paar Stunden einfach nur zu klettern.
Ein letzter Abschied am Gardasee
Das Begräbnis meiner Mama war wunderschön und gleichzeitig unfassbar schwer. Ich glaube, ich habe vom ersten Ton der Musik bis zum letzten Moment geweint.
Zu sehen, wie viele Menschen gekommen waren, um sich von ihr zu verabschieden, hat uns unglaublich berührt.
Ein letztes Mal verabschiedeten Papa und ich uns anschließend am Gardasee von ihr — dort, wo sie am glücklichsten war. Gemeinsam mit Chiara und Luna fuhren wir hinaus aufs Wasser, hörten ihre Lieblingslieder und ließen all unseren Gefühlen freien Lauf.
Und jetzt?
Nun beginnt wieder der Alltag.
Die Wettkampfsaison steht vor der Tür.
Und ehrlich gesagt weiß ich selbst noch nicht, ob ich körperlich und mental genug vorbereitet bin, um international mithalten zu können.
Aber eines habe ich in diesen Monaten gelernt:
Manchmal geht es nicht darum, perfekt vorbereitet zu sein.
Manchmal geht es einfach nur darum, trotz allem weiterzukämpfen.
Ihr dürft gespannt sein.



One comment
Hanspeter
Mai 11, 2026 at 2:34 p.m.
Es berührt mich immer wieder, liebe Jasmin, wie Du uns an Deinem Leben teilhaben lässt! Viel Kraft Dir auch weiterhin! Hanspeter