Vom Stillstand in den Tiefschnee – Wie ich mir den Winter zurückerobert habe

März 19, 2026by Jasmin Plank0
Winter einmal neu erleben – Zwischen Grenzen, Mut und Millionen Schritten

Die letzten Jahre war der Winter für mich alles andere als eine schöne Jahreszeit. Kälte, Schnee, Eis – für viele bedeutet das Magie. Für mich war es lange Zeit vor allem eines: Herausforderung. Und zwar nicht nur gesundheitlich.

Denn Hand aufs Herz: Rollstuhl und Schnee sind keine besonders gute Kombination. Und wenn dann noch eine kleine Fellnase an deiner Seite ist, wird aus einem einfachen Spaziergang schnell ein logistisches Problem. Die wenigen Wege, die überhaupt befahrbar waren, waren für sie alles andere als angenehm. Streusalz, harte Untergründe, monotone Strecken – Naturgenuss sieht anders aus.

Ich wollte aber mehr. Für mich. Und für sie.


Der Anfang von etwas Neuem

Letzten Winter hatte ich sie schon – meine „Zusatzbeine“. Doch alltagstauglich waren sie noch lange nicht. Unebene Wege, Eis oder Schnee stellten mich vor große Herausforderungen. Sicherheit? Fehlanzeige.

Aber ich habe trainiert. Viel trainiert. Stunden im Olympiazentrum, intensive Einheiten in der Physiotherapie – und vor allem: nicht aufgegeben. Und langsam, Schritt für Schritt, wurde aus Unsicherheit Vertrauen.

Im Winter konnte ich dann tatsächlich meine „Allrad-Bereifung“ in Form von Krücken immer öfter weglassen. Im Frühling wagte ich mich bereits auf einfache Wege – ohne zusätzliche Unterstützung. Für anspruchsvollere Touren begleiteten mich meine Walkingstöcke

Meine neue Version von Allrad.


Der erste Schritt zurück in den Schnee fühlten sich anders an, ich fühlte mich anders an.

 

Im Alltag bewegte ich mich inzwischen so sicher, dass Zweifel kaum noch Platz hatten. Also stellte ich mir eine einfache Frage: Warum nicht einfach ausprobieren?

Unser altbekannter Gassiweg wurde zum Trainingsgelände. Und plötzlich war da dieses Geräusch – das Knirschen von Schnee unter meinen Füßen. Ein kleines Detail, das sich wie ein riesiger Sieg anfühlte.

Schnell wurde klar: Gerade Wege? Kein Problem.

Und wie das so ist, wenn man erste Erfolge spürt – die Neugier wächst.


Raus aus der Komfortzone

 

Also ging es höher hinaus. Gondel. Berg. Winterwanderwege.

Am Anfang tastete ich mich vorsichtig heran. Nicht zu steil, nicht zu lang. Mein Körper setzte mir klare Grenzen – 100 Höhenmeter konnten sich anfühlen wie ein Marathon.

Doch wir blieben dran. Immer wieder. Immer weiter.

Unser Hausberg wurde zu unserem Rückzugsort. Nur 15 Minuten entfernt, aber eine ganz andere Welt. Bis… ja, bis selbst das irgendwann zur Routine wurde.

Und genau da begann das nächste Abenteuer.


Tiefschnee, Freiheit und Seelenruhe

 

Zum ersten Mal stapften wir durch unberührten Tiefschnee.

Und ich kann euch sagen: Da hat sich etwas verändert.

Chiara blühte auf. Und ich? Ich auch. Unsere Wochenendausflüge wurden zu etwas, das ich lange vermisst hatte – echte Seelennahrung.

Der Winter war plötzlich nicht mehr mein Gegner. Er wurde zu meinem Abenteuer.


Ein Moment, der alles verändert

Gegen Ende der Saison passierte dann etwas, das ich früher als Albtraum bezeichnet hätte: Ich vergaß meine Walkingstöcke.

Oben am Berg bemerkte ich es. Früher wäre ich umgedreht. Ohne Diskussion.

Diesmal nicht.

Ich nahm es als Zeichen. Kein Risiko, aber ein Versuch.

Und ja – ich war langsamer. Vorsichtiger. Konzentrierter.

Aber ich kam an.

Dieser Moment? Unbezahlbar.


1 Million Schritte – und so viel mehr
Screenshot

Anfang März dann der nächste Meilenstein:
1 Jahr und 5 Monate nach meinen Orthesen – eine Million Schritte.

Eigentlich sogar zwei. Denn „Tom und Jerry“, meine treuen Begleiter, haben diese Strecke gemeinsam mit mir zurückgelegt.

Eine Zahl, die mehr ist als Statistik.

Sie steht für all die Orte, die ich wiedersehen durfte. Für Wege, von denen ich dachte, ich würde sie nie wieder gehen. Für Freiheit. Für Leben.


Zwischen Tränen und Triumph

Nicht jeder Schritt war leicht.

Es gab Momente der Erschöpfung. Momente, in denen ich gezweifelt habe. Momente, in denen Tränen geflossen sind.

Aber wisst ihr was?

Die meisten dieser Tränen wurden zu Freudentränen.

Wie bei meiner ersten 500-Höhenmeter-Wanderung im Sommer – damals noch ein Kampf. Und dann, Monate später, dieselbe Zahl im Schnee. Und plötzlich war da nur noch Glück.


Mein persönliches Highlight

Und dann kam er: mein größtes Winterabenteuer.

Meine erste Schneeschuhwanderung.

Ich hatte keine Ahnung, ob es überhaupt möglich ist – mit Orthesen auf Schneeschuhen. Aber ich wollte es herausfinden.

Gemeinsam mit meiner Großcousine wagte ich das Experiment.

Es war anstrengend. Es war herausfordernd. Und ja – es gab Momente, in denen mir kurz der Atem stockte.

Aber ich habe es geschafft.

Selbst einen steilen Abstieg.

Wir stießen an Grenzen – meine und die der Technik. Aber wir haben Lösungen gefunden.

Und am Ende blieb vor allem eines: Stolz.


Mein Fazit

Der Winter 2025/26 hat mir etwas gezeigt, das ich nie vergessen werde:

Der Winter ist nicht das Problem.
Manchmal braucht es nur einen neuen Blickwinkel.

Ich durfte wieder eintauchen in verschneite Landschaften, durfte Freiheit spüren, durfte Grenzen verschieben.

Und ich bin unendlich dankbar dafür.


Und jetzt?

Jetzt freue ich mich auf Frühling, Sommer und Herbst. Auf neue Wege, neue Abenteuer und neue Geschichten.

Aber eines ist sicher:

Ich werde den Winter nie wieder unterschätzen.

Und ihr dürft gespannt bleiben, was noch alles kommt.

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